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Stress lass nach

Karriere allgemein
04. November 2017
Wer durchs Leben hetzt, sieht sich oft als Opfer. Ein Psychologe wirft einen neuen und hilfreichen Blick auf das alte Phänomen Stress.
Von Manuela Specker
 
Der Arbeits- und Organisationspsychologe Tony Crabbe tappte in die klassische Falle: Immer mehr Arbeit, die sich vor ihm auftürmte, immer weniger Zeit für Freunde – bis er eines Tages das Gefühl nicht mehr los wurde, fremdgesteuert zu sein. Heute ist er wieder Herr über seine Zeit und um einige Erkenntnisse reicher, was das Statussymbol „Stress“ anbelangt. „Wir sind busy, weil wir uns den harten Entscheidungen verweigern. Anstatt selbst zu denken, gestatten wir der Aussenwelt und unserer Inbox, die Tagesordnung zu bestimmen“, schreibt er in seinem neuen Buch „Busy Busy“. Es falle leichter, einfach zu reagieren und möglichst alles zu erledigen, als einzelne Aufgaben abzuwählen. „Wer weniger tun will, braucht mehr Mut“. In der Tat spielt der Herdentrieb eine grosse Rolle: Wenn alle anderen immer so gestresst sind, kann sich bei denen, die ein ruhigeres Leben führen, das Gefühl einstellen, etwas zu verpassen oder weniger gefragt zu sein.
 
Stress ist so gesehen immer auch eine Frage der eigenen Prioritätensetzung. Aber nicht nur das: Crabbe entlarvt Stress als Methode, den wirklich wichtigen Fragen aus dem Weg zu gehen. Indem wir busy seien, können wir uns produktiv fühlen, während wir gleichzeitig die schwere Arbeit vermeiden. Das kann schwere Arbeit auch im Privatleben sein: Vielleicht lädt man sich beruflich deshalb viel auf, um Problemen in der Partnerschaft aus dem Weg zu gehen? Oder man fühlt sich nur dann vollwertig, wenn die eigene Leistungsfähigkeit bis an die Grenze ausgereizt wird?
 
Niemand bestreitet, dass der Druck an vielen Arbeitsplätzen zu genommen hat, dass Stress auch eine Folge von der Angst sein kann, den Job zu verlieren oder eine Deadline nicht einhalten zu können und einen Auftrag zu verlieren. Fakt ist aber auch: Wer sich immer nur als Opfer solcher Verhältnisse sieht, wird nie etwas daran ändern.
 
Das vielleicht wirkungsvollste Argument, sich dem Stress nicht mehr hilflos ausliefern zu lassen, ist die enorme Bedeutung des Soziallebens, das zwangsläufig unter der Dauerhetze leidet. Dabei, so Crabbe, gehe es uns gut, wenn wir in engem Austausch mit den uns wichtigen Menschen stehen. “Ungezügeltes Busy-Sein zerstört unsere Beziehungen von innen – langsam und unmerklich, aber sicher“, so der Psychologe. Der Stress sei ein sanftes Gift, dessen Wirkung sich nicht innerhalb eines Jahres entfalte, sondern im Laufe eines Jahrzehnts.
 
Der Wert von zwischenmenschlichen Beziehungen und des sozialen Zusammenhalts kann gar nicht genug betont werden. Eine Untersuchung mit 7000 Erwachsenen über neun Jahre hinweg zeigte beispielsweise, dass jene, die nur über wenige soziale Kontakte verfügten, eine um das zwei- bis dreifach höhere Sterbewahrscheinlichkeit hatten als bei denen mit zahlreichen Beziehungen. Andere Studien kommen zum Schluss, dass Einsamkeit und Isolation ein grösseres Gesundheitsrisiko darstellen als Rauchen oder Fettleibigkeit.
 
Tony Crabbe warnt allerdings vor, im Sozialleben in dieselbe Stressfalle zu tappen und ständig nach „mehr“ zu streben oder Bestätigung durch ein möglichst grosses soziales Netzwerk zu suchen. Also lieber 15 enge Freunde als 500 Facebook-Freunde. Er empfiehlt, wichtige Beziehungen zu vertiefen und zu verstärken anstatt zu versuchen, durch Beziehungen unseren Stellenwert zu steigern. Was für soziale Beziehungen gilt, gilt auch für das Berufsleben: sich nicht ständig alle Optionen offen halten wollen, sondern Entscheide treffen und Prioritäten setzen. „Wahre Freude und echte Meisterschaft erwachsen aus der Reise, der Übung, dem ständigen Eintauchen in eine Beschäftigung. Sie setzen voraus, dass man sich festlegt.“ Erfolg ist letztlich eben nicht auf finanzielle Belohnungen und auf Statusgewinn zu reduzieren. Für den Arbeits- und Organisationspsychologen bedeutet Erfolg: eine verstärkte Begeisterung für die eigene Arbeit, eine grössere Vertrautheit mit den liebsten Menschen und damit verbunden eine höhere Lebensfreude.
 
Buchhinweis: Tony Crabbe: Busy Busy. Stresse dich nicht, lebe! Campus Verlag 2017.


Bildquelle: Thinkstock

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