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Karriere allgemein

Väter im Dilemma

Karriere allgemein
25. Oktober 2015
Kinder und Karriere sind nicht nur für Frauen schwer zu vereinbaren
Das schlechte Gewissen als ständiger Begleiter: Die vielen Ansprüche machen berufstätigen Vätern zu schaffen. Nur wird das kaum so wahrgenommen.
 
Von Manuela Specker
Frauen werden reflexartig gefragt, wie sie Job und Familie vereinbaren. Genauso reflexartig folgt jeweils die Kritik, dass diese Fragerei, der nur Frauen ausgesetzt sind, viel über die Dominanz traditioneller Rollenmuster aussagt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn sie verkennt, dass auch Männer aus diesen Rollenmustern ausbrechen wollen, und dass es für sie sehr störend sein kann, auf die Rolle des Ernährers reduziert zu werden.

Die ganze Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird zu oft getrennt von der Situation der Männer diskutiert. „Frauen, die zu schnellen Rückkehr in den Job ermuntert werden sollen, brauchen auch Männer, die ihnen dafür zu Hause etwas abnehmen“, sagt Volker Baisch. Er ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Firma „Väter“ in Deutschland, die  Unternehmen darin unterstützt, auch männlichen Mitarbeitenden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. „Wir brauchen einen Wandel von der Frauenförderung hin zur Mütter- und Väterförderung", fordert er in der Zeitung „Die Welt“.
 
Dass sich in dieser zentralen Frage die Diskussionen zu sehr auf Frauen fokussieren, ist aus einem anderen Grund unpassend. Berufstätige Männer, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, stehen oft stark unter Druck, umgeben von Ansprüchen aller Art  - den eigenen, jener der Partnerin, jenen der Firma.

„Die Arbeitswelt verändert sich, fast immer auf Kosten des Privatlebens“, bringen es Marc Brost und Heinrich Wefing auf den Punkt. In ihrem Buch „Geht alles gar nicht – warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können“ analysieren sie die Zwänge, in denen Männer stecken. Vom Vorhaben, ganz für die Familie da zu sein, um nach ein paar Jahren zu merken, mehr zu arbeiten als je zuvor – ob gewollt oder nicht. Von Videokonferenzen, die spätabends oder am morgen früh stattfinden. Vom Erreichbarkeitswahn, der es fast unmöglich macht, sich davon abzugrenzen – oder zum Preis, karrieretechnisch bald weg vom Fenster zu sein.
 
Und da wären ja noch die Ansprüche, den eigenen Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren und auch deshalb beruflich nicht kürzer treten zu können. Und womöglich ist der Traum vom Eigenheim verwirklicht, aber damit auch der Zwang, die Hypotheken abzubezahlen. Ausgerechnet in der Lebensmitte prallen also alle Ansprüche aufeinander. Nicht umsonst wird diese Zeitspanne auch „Rush-Hour des Lebens“ genannt.

„Wir brauchen eine neue Arbeitszeitkultur gerade für junge Eltern“, fordert Volker Baisch. Gefragt sind seiner Umfrage zufolge, die er unter 1000 Vätern und Müttern durchgeführt hat, vor allem variable Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten im Homeoffice sowie Teilzeitarbeit. Von einer neuen Arbeitszeitkultur sind die Firmen aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz weit weg. Hier ist nicht nur der Mutterschaftsurlaub mit 14 Wochen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kurz. Väter haben gesetzlich gerade mal Anspruch auf einen freien Tag.

Es steht den Firmen frei, sich grosszügiger zu zeigen. Das Fazit der Gewerkschaft Travail Suisse ist allerdings eher ernüchternd: Sie nahm dieses Jahr 46 Gesamtarbeitsverträge unter die Lupe und stellte fest, dass mehr als die Hälfte der 1,5 Millionen betroffenen Mitarbeitern bei einer Vaterschaft tatsächlich nur einen Tag frei erhält.
 
Die knausrigen Lösungen für Eltern in der Schweiz sagen viel über das herkömmliche Karriereverständnis und die Erwartungen der Firmen aus. Einem Wertewandel steht auch die mangelnde Bereitschaft im Weg, Elternzeit als eine wertvolle und prägende Bereicherung zu sehen. Kompetenzen, die in der Familie gefragt sind – zum Beispiel das Organisieren – beeinflussen schliesslich auch die eigene Arbeitsweise im Job. Sascha Schmidt, der mit „Neue Väter – neue Karrieren“ einen Ratgeber verfasst hat, kritisiert insbesondere, dass berufstätige Männer, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, sehr vielen Vorurteilen ausgesetzt sind. Ihre Angst vor einem Karriereknick sei absolut begründet. „ Unabhängig von der Branche wird derjenige, der immer da ist, als derjenige wahrgenommen, der mehr leistet“, so Schmidt.

Männern rät er, sich die Frage zu stellen, was für eine Art Vater sie überhaupt sein wollen – das würden nämlich die wenigsten explizit tun. Sind sie sich der Antwort im Klaren, gilt es, entsprechende Prioritäten zu setzen, die Wünsche anzubringen und Vorurteile auszuhalten. Kann eine Firma dem Wunsch nach mehr Zeit mit der Familie nicht entsprechen, bleibt nur ein Stellenwechsel übrig – und ein Verzicht auf bestimmte Karriereschritte. So wie das für Frauen, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, schon lange gilt. 
 

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