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Karriere allgemein

Wie der Beruf, so der Charakter

Karriere allgemein
26. April 2015
Der berufliche Weg wirkt sich früher oder später auch auf den Charakter aus.
Was beeinflusst eigentlich die Studien- oder Berufswahl? Zwischen eigenen Persönlichkeitsmerkmalen und dem gewählten Job besteht eine interessante Wechselwirkung. 

Von Manuela Specker
Die Kundin eines Partnervermittlungs-Institutes machte sich grosse Sorgen: Über das Online-Portal hatte sie einen attraktiven Mann kennengelernt. Sie beschrieb ihn als gross, sportlich und tiefgründig, „also kein Prahler, Blender“. Der Schock ereilte sie, als sie von seinem Beruf erfuhr: Er ist Bilanzbuchhalter. Sofort stellte sie sich ihn als spiessig und langweilig vor. Nun war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie ihn wirklich näher kennenlernen will. Auf dem Portal stellte sie die Frage zur Diskussion, ob man aufgrund des Jobs auf den Charakter schliessen kann.
 
Sich den Partner nach dem Beruf auszusuchen wäre genauso töricht, wie die Haarfarbe oder die Augenfarbe zum Kriterium zu machen. Aber trotzdem dürften manche die Bedenken dieser Frau nachvollziehen können. „Bestimmte Berufe ziehen einfach bestimmte Charaktermerkmale an. So werden schludrige Zahlenhasser selten Buchhalter und rhetorisch unbegabte Personen selten Jurist, so studieren Menschen, die eher auf Geld und Äusserlichkeiten aus sind, eher BWL“, formulierte es ein User als Antwort auf die Frage der Frau. Umgekehrt verändere das berufliche Umfeld aber auch jene, die eigentlich nicht besonders stark entsprechende Ausprägung hatten. „Man passt sich eben an, sowohl aus fachlichen Notwendigkeiten als auch aufgrund des sozialen Umgangs und der Gruppendynamik.“
 
Zwischen Beruf und Charakter besteht eine Wechselwirkung. Die einzelnen Ausprägungen von Charaktermerkmalen können aber so unterschiedlich sein, dass man sich davor hüten sollte, Menschen nur noch durch die Vorurteils-Brille zu sehen. Diese Gefahr des Schubladisierens ist latent vorhanden, tendieren doch viele dazu, neue Bekanntschaften zuerst einmal nach dem Beruf zu fragen. Es stimmt, dass Menschen, die explizit an Karriere, Macht und Geld interessiert sind, sich die Grundlagen dafür oft mit einem BWL-Studium legen. Aber das heisst noch lange nicht, dass sich nicht auch andere Persönlichkeiten für diesen Studiengang entscheiden, einfach weil sie an Zahlen und wirtschaftlichen Zusammenhängen interessiert sind.
 
Unterschiedliche Kulturen in Studium oder Beruf sind auch das Resultat einer selbsterfüllenden Prophezeiung. “Internationale Beziehungen” zum Beispiel lässt sich sowohl in St. Gallen als auch in Genf studieren. An der Uni St.Gallen ist aber mehrheitlich ein ganz anderer Typus von Student anzutreffen als in Genf.  Entsprechend wählen sich die jungen Leute die Universität nicht nur nach dem Lehrinhalt aus, sondern eben auch nach den Menschen, die sie dort anzutreffen gedenken.
 
„Jeder Fachbereich hat seine eigene Kultur, die bestimmte Leute anzieht, andere abstösst“, sagte Markus Diem, Leiter der Studienberatung an der Universität Basel, gegenüber der „NZZ“. Er berichtet von einem jungen Jus-Studenten, der nach einem Jahr das Studium abbrechen wollte, weil er die schweren Parfums nicht mehr ertrage. Oder von einer Physik-Studentin, die nach zwei Semestern das Handtuch werfen wollte, weil es sie es satt hatte, mit den „Nerds“ von ganz Basel zusammenzusitzen. 
 
In der Tat sollte man sich sowohl im Studium wie auch im Beruf die Frage stellen, ob man in die entsprechenden Milieus passt. Psychologen von der Universität Zürich fanden 2012 heraus, dass jene, welche ihre Charakterstärken im Beruf einsetzen können, mehr Sinn, Spass und Flow bei der Arbeit erleben – entsprechend nehmen sie den Beruf auch eher als Berufung wahr.Claudia Harzer und Professor Willibald Ruch vom Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik der Universität Zürich befragten damals 1000 berufstätige Personen, wie ihre Charakterstärken ausgeprägt sind, ob sie diese bei der Arbeit einsetzen können und wie positiv sie ihre Arbeit erleben. In einem zweiten Schritt befragten die Wissenschaftler auch die Arbeitskollegen der betreffenden Person, um nicht nur über die Selbsteinschätzungen verfügen.
 
Den Befund der beiden Forscher könnten auch die Arbeitgeber zu ihrem Vorteil beherzigen: «Wird vor der Besetzung einer Stelle abgeklärt, welche Charakterstärken für die Arbeit zentral sind, so kann eine Person anhand dieser Stärken rekrutiert werden. Davon profitieren dann Arbeitgeber und Arbeitnehmer», meint Claudia Harzer, die mittlerweile eine Vertretungsprofessur für psychologische Diagnostik an der Universität Kassel inne hat. Die Kompatibilität von Charakter und Beruf zu prüfen macht allemal mehr Sinn, als die Wahl seines Partners vom Beruf abhängig zu machen.

Foto: Thinkstock

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