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Blick über den Tellerrand

Veröffentlicht am 11.11.2017
Blick über den Tellerrand

Jobrotation ist ein beliebtes Förderinstrument bei jungen Menschen. Doch auch alteingesessene Mitarbeitende würden profitieren.

Von Manuela Specker

„Ins Rotieren kommen“ ist normalerweise ein Ausdruck dafür, dass einem die Arbeit über den Kopf wächst oder sich das Gefühl der Überforderung einstellt. Wortwörtlich und als Handlung interpretiert, ist das Rotieren im Berufsleben aber eine erfreuliche Sache, da es zum Blick über den eigenen Tellerrand hinweg zwingt.

Dass Jobrotationen vor allem bei Jobeinsteigen zum Zug kommen, erstaunt nicht. Sie sind noch nicht spezialisiert und erhalten so Gelegenheit, den ganzen Betrieb kennenzulernen und einen Blick fürs Ganze zu entwickeln. Das bereitet sie gut auf die Anforderungen im Unternehmen vor. Zudem lernen sie sich und ihre Fähigkeiten besser kennen – und somit auch, welche Entwicklungsmöglichkeiten sich ihnen noch bieten, anstatt sich zu früh auf eine bestimmte Schiene festzulegen.

Der klassische Jobrotierer ist der Trainee oder der Lehrling, der im Rahmen seiner Ausbildung mehrere Abteilungen im Unternehmen durchläuft. Gerade in dieser Situation bietet dies den grossen Vorteil, sich auch in sozialer Hinsicht weiterzuentwickeln, müssen sich die jungen Leute doch immer wieder in neue Teams einfügen und mit unterschiedlichen Charakteren klarkommen, anstatt sich vertraut in den gleichen Kreisen zu bewegen.

Von Zeit zu Zeit eine andere Position oder Funktion zu bekleiden, würde sich auch bei alteingesessenen Mitarbeitenden auszahlen. Je nach Art und Ausgestaltung profitieren beide Seiten: der Mitarbeitende, indem er Abwechslung im Arbeitsalltag erhält und sich weiterbilden kann. Verrichtet er normalerweise körperlich anstrengende Arbeit, kann ein vorübergehender Wechsel in einen anderen Bereich sogar als Gesundheitsprävention angesehen werden. Die Firma wiederum profitiert, indem sie das „lebenslange Lernen“ nicht nur predigt, sondern auch lebt und dadurch bei den Mitarbeitenden das Verständnis für bereichsübergreifende Zusammenhänge stärkt. Im besten Fall schafft dies sogar die Voraussetzung, Stellvertretungen besser zu organisieren und das Risiko zu mindern, dass bei einer Kündigung das ganze Wissen verloren geht.

Jobrotationen sind allerdings kaum institutionalisiert in den Firmen. Generell kommt es vor allem dann zu Jobrotationen, wenn Mitarbeitende auf eine Führungs- bzw. Managementaufgabe vorbereitet werden sollen. Zu gross scheinen die Nachteile, die da sein könnten: Zeit- und Produktionsverluste und Gefahr der Überforderung. Und selbstverständlich gibt es zahlreiche Konstellationen, in denen eine Jobrotation nicht einmal ansatzweise in Frage kommt. Je höher der Spezialisierungsgrad eines Berufes, desto weniger macht eine Jobrotation Sinn. So hat ein Jurist in der Software-Programmierung genauso wenig verloren wie eine Krankenschwester am Skalpell des Chirurgen. Auch kleinere Firmen können es sich in der Regel nicht erlauben, dass Mitarbeitende vorübergehend die Rolle tauschen.

Aber in allen anderen Fällen gilt: Professionell organisiert und systematisch durchgeführt, vermag eine Jobrotation Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeitenden steigern, da sie immer auch Ausdruck davon ist, dass einem Unternehmen die Entwicklung seiner Mitarbeitenden am Herzen liegt. Gerade in Firmen mit tiefer Fluktuation könnte das Personalinstrument der Jobrotation eine Methode sein, die Routine aufzubrechen und so auch die Innovationskraft zu steigern sowie fehlender Flexibilität und verstaubten Strukturen vorzubeugen. Und nicht zuletzt schärft der Blick über den Tellerrand hinaus immer auf da Verständnis für innerbetriebliche Prozessen oder Problemfelder in den Abläufen. Kurzfristig mag sich das Jobrotationsmodell tatsächlich nicht auszahlen - aber langfristig gesehen überwiegen die Vorteile.

Wenn eine Job-Rotation nicht drin liegt, dann wäre das Job-Shadowing eine Alternative: Mitarbeitende gucken Mitarbeitenden aus anderen Abteilungen einen Tag lang über die Schulter. Warum soll der, der im Marketing Strategien entwickelt, nicht wissen, wie es in der Kundenbetreuung zu und hergeht? Warum sollen Innendienstler nicht wissen, mit was die Aussendienstler konfrontiert sind? Manche CEOs gehen gleich mit gutem Beispiel voran und begeben sich selber einen Tag lang an die Front. Das ist zumindest gut fürs Image: Chefs, die sich im Elfenbeinturm verschanzen, sind nicht mehr besonders beliebt.

Bildquelle: Thinkstock