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Her mit den Löhnen!

Veröffentlicht am 13.06.2016
Her mit den Löhnen!
Über Geld spricht man nicht – und schon gar nicht über Löhne. Diese Verschwiegenheit begünstigt allerdings Ungerechtigkeiten.   Von Manuela Specker
Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) machen kein Geheimnis aus ihren Löhnen: Zu den ausgeschriebenen Stellen ist jeweils auch die Bandbereite des entsprechenden Lohnbandes angegeben, mit dem der Bewerber rechnen kann. So sind für einen Automatiker 62`000 bis 85`000 Franken pro Jahr vorgesehen, für einen Projektleiter Haltestellen zwischen 100’000 und 120'000. Wie der Bewerber eingereiht wird, hängt dabei von der Erfahrung und dem Vorwissen ab. Auch das Kinderspital Zürich informiert bei den meisten ausgeschriebenen Stellen über die zu erwartenden Löhne.
 
„Das ist noch immer die Ausnahme“, sagt der Personalexperte Jörg Buckmann. Er hat 2014 als damaliger Leiter Personalmanagement bei den VBZ  die Lohntransparenz eingeführt und ausgesprochen positive Erfahrungen damit gemacht. „So wie ein Arbeitgeber alles mögliche über die Bewerber herausfinden will, sollte er ihnen gegenüber auch transparent sein und die zu erwartende Lohnbandbreite bereits in der Stellenanzeige offen legen“, so Buckmann. Er hat sich mittlerweile selbstständig gemacht und hilft Firmen, ihren Auftritt auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.
 
Die Offenheit bei den Löhnen ist ganz im Sinne der Bewerbenden. Denn meistens kennen sie sich mit dem Lohngefüge im jeweiligen Betrieb nicht aus. Sind sie sich dazu noch ihres Marktwertes unsicher, ist die Gefahr sehr gross, dass die Lohnhöhe vor allem vom eigenen Verhandlungsgeschick abhängt – mit der Folge, dass für Stellen mit gleichem Anforderungsprofil zum Teil immense Lohnunterschiede bestehen.
 
So verwundert es nicht, dass die grosse Mehrheit der Arbeitnehmenden konkrete Angaben zu den Löhnen in den Stelleninseraten begrüssen würde.  Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung der Online-Jobbörse StepStone, welche die Erwartungen und Vorgehensweisen von Kandidaten im Bewerbungsprozess unter die Lupe nahm. Bei den VBZ jedenfalls schätzen die Bewerbenden den unverkrampften Umgang mit dem Thema Lohn. So können sie nämlich gleich von Beginn weg einschätzen, ob sie mit ihren Lohnvorstellungen überhaupt in das Unternehmen passen.
 
In Deutschland soll die Angabe von Löhnen in den Stelleninseraten sogar per Gesetz eingeführt werden. SPD-Familienministerin Manuela Schwesig will damit die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen verkleinern.  Ihr Argument: Wenn Frauen nicht wüssten, was Männer mit gleichwertigen Jobs verdienten, könnten sie auch keine gleiche Bezahlung durchsetzen. Verweigere ein Unternehmen die Auskunft, so lasse dies eine Benachteiligung in Bezug auf das Entgelt vermuten, heisst es im Gesetzesentwurf. Eine entsprechende Regelung ist in Österreich bereits in Kraft.
 
Der Fokus auf die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau verkennt, dass sich auch Männer unter Wert verkaufen. Über die Jahre hinweg entsteht so in den Firmen ein Lohngefüge, das sich nicht mehr nach Ausbildung, Erfahrung und Leistung richtet. „Ungerechtigkeiten sind also programmiert“, so Jörg Buckmann. Für Firmen sind das tickende Zeitbomben, denn früher oder später reden Mitarbeitende unter sich auch über den Lohn.
 
Mehr Lohntransparenz wäre deshalb auch im Sinne der Firmen. Und sie sparten sich damit erst noch Rekrutierungsaufwand, da sich gerade jene Kandidaten nicht bewerben, die ganz andere Lohnvorstellungen haben. Im Einzelfall kann sich Lohntransparenz auch als nachteilig erweisen. Zum Beispiel dann, wenn sich aufgrund einer zu tiefen Lohnspanne ein Spezialist nicht bewirbt, der aber mit Abstand am besten zur Stelle gepasst hätte und für den die Firma aufgrund mangelnder Alternativen tatsächlich mehr bezahlt hätte. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass ein offener Umgang mit Löhnen Neid und Missgunst begünstigt oder eine Gleichmacherei fördert, so dass besondere Leistungen nicht mehr honoriert werden.
 
Es kann mit der Lohntransparenz deshalb nicht darum gehen, auf den Franken genau den Lohn des Bürokollegen zu kennen. Die Angabe von Löhnen in den Stelleninseraten kann und soll immer nur als Richtwert dienen, der je nach Umständen auch verhandelbar ist. Ausser Frage steht, dass die Angabe der Bandbreiten von Löhnen in Stelleninseraten auf Freiwilligkeit basieren muss und den Firmen nicht aufgezwungen werden kann – erst recht nicht in der Privatwirtschaft.
 
Transparenz per Lohnrechner
Anstatt auf Fortschritte in der Lohntransparenz zu hoffen, können Arbeitnehmende in der Schweiz bis zu einem gewissen Grad das Heft selber in die Hand nehmen und zumindest den eigenen Marktwert möglichst genau ermitteln. Dafür helfen nicht nur Gespräche mit Personen, die in derselben Branche arbeiten und einen ähnlichen Hintergrund mitbringen. Es existieren diverse Lohnrechner, welche den jeweiligen Durchschnitts- bzw. Medianlohn ermitteln. Die Resultate sind aber mit Vorsicht zu geniessen, da die Daten nicht auf jeden einzelnen Beruf heruntergebrochen werden können. Aber sie geben zumindest einen gewissen Anhaltspunkt.
www.lohnrechner.bfs.admin.ch (Bundesamtes für Statistik)
www.lohnrechner.ch (Schweizerischer Gewerkschaftsbund)


Foto: Thinkstock