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Von den Ferien in die Krise

Veröffentlicht am 11.08.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock
Von den Ferien in die Krise

Was es mit dem „Post-Holiday-Syndrom“ auf sich hat

Einfach mal ein paar Tage oder Wochen nichts tun, planlos in den Tag hineinleben, endlich Zeit mit der Familie verbringen oder neue Erdteile erkunden: Jeder kennt die Vorfreude auf Ferien, die einen immer auch aus der Arbeitsroutine rausholen. Aber insgeheim weiss auch jeder: alles hat ein Ende. Je grösser die Vorfreude, desto härter scheint der Wiedereinstieg in das Arbeitsleben zu sein. Ist sogar absehbar, dass es im Büro stressig wird, sinkt die Stimmung bereits zwei Tage vor dem Ferienende in den Keller. Das hat der niederländische Tourismusforscher Jeroen Nawijn nachgewiesen.

Ferien scheinen ein beliebtes Untersuchungsgebiet in den Niederlanden sein. Auch die Wissenschaftlerin Jessica de Bloom ging dem Phänomen auf den Grund und musste feststellen, dass die meisten Menschen eine Woche, nachdem sie der Arbeitsalltag eingeholt hat, genauso gestresst waren wie vor den Ferien. Manche waren nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz sogar derart niedergeschlagen, dass ihr Zustand einiges mit einer depressiven Verstimmung gemein hatte. Starke Motivationsschwierigkeiten, Antriebslosigkeit, Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen: Nicht alle nehmen den  radikalen Wechsel von süssem Nichtstun zu Verpflichtungen bei der Arbeit auf die leichte Schulter.  

Die positive Nachricht: Ein Tief nach den Ferien ist noch lange kein Grund zur Sorge, sondern vielmehr ein Zeichen dafür, dass der Lebenssinn nicht alleine in der Arbeit gesucht wird. Dauert der Zustand hingegen länger an, deutet dies auf eine tieferliegende Unzufriedenheit mit der Arbeitssituation hin. Dann sind Ferien auch kein Erholungsfaktor mehr, sondern nichts andere als eine Flucht vor der Arbeitsrealität. Umso härter fällt dann jeweils die Rückkehr in eben diese Arbeitsrealität aus.

In einem solchen Fall empfiehlt es sich, anstatt in die Ferne zu schweifen die Ferien für einmal dafür einzusetzen, sich über seine Bedürfnisse klar zu werden und entsprechende Massnahmen zu ergreifen, um die notwendigen Veränderungen einzuleiten. Das muss nicht immer gleich ein Jobwechsel sein. Vielleicht ist es eine Reduktion des Pensums, ein Wechsel innerhalb der Abteilung oder eine neue Verantwortlichkeit, die Schwung in das Arbeitsleben bringt oder je nach Belastung Tempo rausnimmt. Es kann sich also lohnen, sich für einmal mit Grundsatzfragen auseinanderzusetzen. Kurzfristig können auch ein paar psychologische Tricks die Krise nach den Ferien dämpfen:

  • Erst an einem Mittwoch die Arbeit wieder aufnehmen. So ist die erste Woche bedeutend kürzer und fällt der Einstieg leichter, weil mit dem Wochenende die nächste Erholungsphase bereits bevorsteht.
  • Nach den Ferien ist es besonders wichtig, Prioritäten setzen zu können. Wer den Anspruch hat, alles aufs Mal abzuarbeiten, stösst schnell an seine Grenzen.
  • Die Abwesenheitsnotiz um einen Tag verlängern, um etwas mehr Zeit für die Beantwortung wichtiger Mails zu haben
  • Auf keinen Fall direkt vom Flughafen an den Arbeitsplatz, sondern mindestens einen Tag einplanen, um überhaupt zu Hause anzukommen.
  • Die beste Prävention beginnt bereits vor den Ferien: Den Arbeitsplatz möglichst aufgeräumt verlassen. Das vermittelt nach der Rückkehr zumindest das Gefühl (oder je nachdem die Illusion), von vorne anfangen zu können und nicht Altlasten abbauen zu müssen.
  • Auch wenn der Erholungseffekt von Ferien schnell verpufft, sind sie zentral, um einigermassen die Balance halten zu können. Untersuchungen zeigen, dass jene Menschen, die ganz auf Ferien verzichten, ein erhöhtes Risiko tragen, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden. In der Schweiz ist es allerdings gesetzlich vorgeschrieben, mindestens zwei Wochen Ferien pro Jahr an einem Stück zu nehmen.  

So banal es klingt, aber ein Trostpflaster kann einem niemand nehmen: die nächsten Ferien kommen bestimmt. Und man sollte sich immer vor Augen halten, dass ein Leben ohne Arbeit, Dauerferien sozusagen, von vielen idealisiert wird. Denn was die Ferien oder freie Tage so wertvoll macht, ist gerade der Kontrast zum Arbeitsleben. Das weiss jeder spätestens dann, wenn er ohne Arbeit dasteht und sich nichts sehnlicher wünscht, als irgendwo in feste Tagesstrukturen eingebunden zu sein.