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Vergebliche Verausgabung

Veröffentlicht am 12.10.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock
Vergebliche Verausgabung

Lange und hart arbeiten gleich Karriere? Diese Rechnung geht oft nicht auf.

Es gibt ein beliebtes Spiel in der Arbeitswelt, das da lautet: Wer bleibt abends am längsten im Büro? Idealerweise soll es auch der Chef, die Chefin zu sehen bekommen. Denn, so die weit verbreitete Annahme: Wer besonders hart arbeitet, wird irgendwann auch befördert. Das ist ein grosser Irrtum, wie Forschende der City University London in einer grossen Untersuchung nachweisen konnten: Jene, die besonders lange, hart und schnell arbeiten, legen keine steilere Karriere hin, ganz im Gegenteil.  Sie würden mehr Fehler machen, da sie durch die dauerhaft hohe Arbeitsintensität erschöpft sind und sich trotzdem kaum Pausen gönnen. Auch leide die Kreativität unter dem Dauerstress.

In der Tat ist auch in der Hirnforschung längst erwiesen: Die besten Einfälle kommen oft in einer Phase der Entspannung oder beim Nichtstun. Wer sich aber an der Arbeit dermassen ins Zeug legt, lässt diesen Zustand gar nicht zu – und kommt beruflich oft doch nicht weiter. Die Londoner Wissenschaftler waren einigermassen erstaunt, dass der übermässige Arbeitseinsatz über alle Kategorien hinweg negative Auswirkungen hatte - egal, in welcher Branche, in welchem Alter oder in welcher Position jemand ist. Egal auch, welches Geschlecht und welchen Bildungsstand jemand hat. Wer sich dauerhaft auspowert, landet eher in der Erschöpfung als in der nächsten Hierarchiestufe.

Dass überdurchschnittliches Engagement am Arbeitsplatz nicht automatisch mit einer Beförderung belohnt wird, hat aber noch einen anderen Grund: Entscheidend ist nicht alleine der tatsächliche Arbeitseinsatz, sondern das Netzwerk. Gerade jene, die sich jeden Tag kopfüber in die Arbeit stürzen, haben gar keine Zeit für diese zwischenmenschliche Ebene und wundern sich dann, wenn sie bei Beförderungen übersehen werden.

Schon so manche Karrieren nahmen am Kaffeeautomaten oder beim Feierabendbier ihren Anfang. Leistung alleine zahlt sich also selten aus. Tue Gutes und sprich darüber, lautet ein Bonmot. Auch das fällt bei den Vielschaffern gerne zwischen Stühle und Bänke. Wenn sie dann aber mal realisieren, dass andere den Vorzug erhalten, obwohl diese nicht wie sie mit vollem Herz bei der Sache sind, kommt oft die grosse Krise. Wer sowieso schon überarbeitet ist, läuft Gefahr, in ein Burnout zu laufen. Fehlende Anerkennung kann Menschen krankmachen – vor allem dann, wenn sie mit ihrem übermässigen Einsatz genau auf diese Anerkennung hoffen. Ganz anders schaut es aus bei Menschen, die viel arbeiten, weil sie von der Sache begeistert sind oder weil sie beispielsweise ein eigenes Unternehmen aufbauen. Ob einem der grosse Einsatz bei der Arbeit irgendwann zum Verhängnis wird, hat also auch viel mit den Motiven zu tun, weshalb man sich überhaupt dermassen ins Zeug legt. Wer alleine der Sache willen sich auspowert, ist oft nicht einmal daran interessiert, die Karriereleiter hochzuklettern. Denn je weiter oben sie wären, desto mehr entfernten sie sich von der eigentlichen Arbeit, die sie zu Höchstleistungen treibt. Der Ausdruck „ausgebrannt sein“ kommt nicht von irgendwo: Nur wer für eine Sache brennt, kann auch ausbrennen.  

Die beste Prävention, um gar nicht erst in diese Spirale zu geraten, ist es, den eigenen Selbstwert nicht von erbrachten Leistungen abhängig zu machen und sich somit auch nicht über einen Aufstieg auf der Karriereleiter zu definieren. Mit anderen Worten: sich am Sinn und nicht an Statussymbolen orientieren.  «Wenn Sie morgens gerne zur Arbeit gehen, ist das schon mal ein sehr gutes Zeichen. Und wenn Sie jetzt noch viele Ihrer Talente bei der Arbeit einsetzen können, etwas Sinnvolles tun und die Menschen um sich herum mögen, dann gratuliere ich Ihnen: Sie haben im Beruf mehr erreicht als mancher Top-Manager!», bringt es der Karrierecoach und Buchautor Martin Wehrle auf den Punkt.