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Vom Terror des Arbeitsglücks

Veröffentlicht am 14.12.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Shutterstock
Vom Terror des Arbeitsglücks

Der Job soll Erfüllung bringen und sinnstiftend sein. Doch diese Ansprüche sind oft nur ein paar Privilegierten vorbehalten.

Die berufliche Tätigkeit soll längst nicht mehr nur soziale Absicherung sein oder dazu dienen, den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch Identität stiften. Die Erwartungen an den eigenen Job sind bisweilen so hoch, dass die Enttäuschung programmiert ist. Wer einfach seinen Job erledigt, kommt in diesem gesellschaftlichen Klima in Erklärungsnot und muss sich bisweilen den Vorwurf gefallen lassen, in Gedanken bereits bei der Pensionierung zu sein. Dabei könnte alles auf einem grossen Missverständnis basieren.

Eine Geste der Selbstoptimierung

„Do what you love“ – laut der Soziologin Laura Wiesböck von der Universität Wien ist das nichts anderes als ein verkleideter, versteckter Elitismus, „denn wer kann es sich schon leisten, stets seiner Leidenschaft nachzugehen?“ Wiesböck entlarvt das „Do-what-you-love“-Mantra als noble Geste der Selbstoptimierung, die nur privilegierten Kreisen zusteht. Hürden, die dieser Selbstverwirklichung im Weg stehen – beispielsweise die soziale Herkunft oder der finanzielle Hintergrund - würden einfach verschleiert. So ist es tatsächlich bedeutend einfacher für einen ungebundenen, 30-jährigen Mann ohne finanzielle Verpflichtungen, seinen Träumen nachzugehen und zum Beispiel eine einjährige Auszeit zu nehmen, um verschiedene Dinge auszuprobieren. Ganz anders schaut es aus bei Menschen, die entweder nur knapp über die Runden kommen oder familiäre Verpflichtungen haben.

Hinzu kommt eine weitere Dimension: Selbstverwirklichung verwandelt sich schnell einmal in Selbstausbeutung. Firmen kommt der unbändige Wille, immer mit Eifer bei der Sache zu sein und sich maximal mit dem eigenen Job zu identifizieren, sehr gelegen. Läuft es allerdings beruflich nicht wie gewünscht, droht die grosse existenzielle Krise, wenn man bis dahin sein ganzes Dasein auf dem beruflichen Status aufgebaut hat. „Wird das Selbst im Job verwirklicht, dann ist Kritik oder Ablehnung unmittelbar auf die eigene Person zurückzuführen“, schreibt Laura Wiesböck in ihrem erhellenden Buch „In besserer Gesellschaft“. Es existiert aber auch ein gesellschaftlicher Druck, sich zu verwirklichen – wer es nicht schafft, so die implizite Botschaft, ist selber schuld und hat sich einfach nicht genug angestrengt. „Scheitern und Missstände gelten dann als persönliches Versagen, nicht als Systemfehler. Das Problem sozialer Ungleichheit wird damit in den Verantwortungsbereich der betroffenen Person verschoben, reale gesellschaftliche Problemlagen werden nicht mehr benannt.“

Konkurrenzdruck hinterlässt Spuren

Bezogen auf den Arbeitsmarkt gehört die zunehmende Roboterisierung und Automatisierung zu den Problemlagen, für welche die Betroffenen nichts können, aber als Individuen die Konsequenzen zu tragen haben. Je nach Perspektive ist von Individualisierung, Atomisierung oder Vereinzelung die Rede. Die damit einhergehende Wettbewerbssituation unter den Arbeitskräften verändert auch deren Innenleben: Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han führt die Zunahme an depressiven Erkrankungen – in der Arbeitswelt auch weniger stigmatisierend Burn-out benannt – unter anderem auf die Veränderungen zurück, wie sich das Ich in der Welt verortet. Auch der französische Soziologe Alain Ehrenberg interpretiert diese Entwicklung als Resultat des Individualisierungsprozesses. Konkret: Heute würden die Menschen an den Defiziten ihrer eigenen Persönlichkeit leiden, während sie vor einem Jahrhundert noch an den unterdrückten Zuständen in der Gesellschaft erkrankten.

In diesem Klima erstaunt es nicht, dass nicht mehr der erfolgreiche Manager am meisten Neider auf sich zieht, sondern vielmehr jener, der aus dem System ausbricht und sich mit „Dienst nach Vorschrift“ begnügt. Aber eben: Das kann sich lange nicht jeder leisten.