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Immer auf Sendung

Veröffentlicht am 08.02.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: PEWDIEPie
Immer auf Sendung

Der Beruf „Youtuber“ ist für vor allem für junge Menschen verlockend. Nur wenige schaffen es – und Frauen erleben einen Rückfall in alte Rollenbilder. 

Unter jungen Menschen hat sich ein neuer Traumberuf herauskristallisiert, der ihre eigenen veränderten Kommunikationsgewohnheiten abbildet: Ein Star auf Youtube sein und mit eigenen Videos so viel Geld verdienen, dass man davon den Lebensunterhalt bestreiten kann. So wie „NebelNiek“, der fast 800'000 Abonnenten aufweist und mit seinen Gaming-Videos bekannt wurde. Der Deutsche verbrachte zu Spitzenzeiten bis zu 20 Stunden vor dem PC, brach die Schule ab, um Youtuber zu werden, ernährte sich schlecht, bewegte sich kaum, aber gewann pro Tag bis zu 10'000 neue Abonnenten dazu – bis er vor zwei Jahren einen Schnitt machte und sich zurückzog. Diagnose: Burn out, Depression – und keine Freunde. Als hätte er seinen Nicknamen, der rückwärts gelesen „Kein Leben“ bedeutet, in weiser Voraussicht gewählt. Seit ein paar Monaten postet er wieder, aber nicht mehr zwei Videos pro Tag wie früher, sondern bestenfalls alle zwei Monate. 

Ein Extremfall, und doch zeigt er exemplarisch, zu welchem Tempo sich jene genötigt sehen, die auf Youtube durchstarten wollen. Das liegt in der Art und Weise, wie die Plattform funktioniert: Jene Kanäle, die mehr Inhalte produzieren und einen engen Fokus haben, werden bevorzugt. Wer längere Zeit nicht auf Sendung geht, verliert automatisch an Reichweite. Hinzu kommt die Unberechenbarkeit des Algorithmus. So kann der eigene Kanal von einem Tag auf den anderen aus den Vorschlägen verschwinden und wird nur noch bei expliziter Suche gefunden. Das ist ein enormer Stressfaktor für jene, die mittels Youtube-Videos ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen. 

Natürlich gilt das nicht für die Superstars unter den Youtubern. Wer hat, dem wird gegeben – dieses Prinzip funktioniert auf der Plattform in seiner reinsten Form. Der Schwede Felix Kjellberg, der unter dem Nickname „PewDiePie“ seit letztem Monat als erster Youtuber überhaupt mit seinen Game-Videos mehr als 80 Millionen Abonnenten aufweist, nahm zu Spitzenzeiten bis zu 15 Millionen Dollar pro Jahr ein. Es lockt also nicht nur die Aufmerksamkeit der Community, es lockt auch das grosse Geld. Youtuber verdienen nicht nur mit Klicks, die Nachgefragten unter ihnen lassen sich von Firmen sponsoren oder platzieren subtil deren Produkte bzw. Dienstleistungen in ihren Videos. 

Nur wenige erreichen überhaupt Kult-Status oder kommen in den Genuss, an den Werbeeinnahmen der Plattform beteiligt zu werden. Frauen haben es zudem schwerer als Männer, weil sie auch auf Social Media weniger sichtbar sind. Wie eine Untersuchung der Malisa-Stiftung zu Tage förderte, dominieren auf Social Media und auf Streamingportalen, in denen Nutzer die Inhalte selber generieren, klassische Rollenbilder. Mit anderen Worten: Frauen müssen in erster Linie gut aussehen, der Inhalt ist zweitrangig. Besonders Beauty-Themen wie Schminken oder Frisuren lassen sich zu Geld machen. Auch auf Instagram vermarkten sich vor allem jene Frauen erfolgreich, die einem normierten Schönheitsideal entsprechen. Sie sind dünn, haben lange Haare und beschäftigen sich in erster Linie mit Mode, Beauty und Ernährung.  Männer hingegen nutzen viel mehr Möglichkeiten der Selbstdarstellung: Sie interpretieren Musik, testen Video-Games oder ziehen die Community mit schräg-humoresken Videos in ihren Bann. Das ist nicht alleine eine Frage des Willens, sondern auch, was sich auf dem Markt in bare Münze umwandeln lässt.

Die Schauspielerin Maria Furtwängler, welche die Malisa-Stiftung ins Leben gerufen hat und damit etwas zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen will, sagte gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen“, dass es die Marktwirtschaft sei, welche die Themen der Influencerinnen bestimme. So werde Werbung für einen Lippenstift oder eine Handtaschen gut bezahlt.  Zudem spüren sie viel Gegenwind, wenn sie mal nicht den Vorstellungen entsprechen, wie Furtwängler durch Gespräche mit erfolgreichen Influencerinnen herausfand. „Sobald die mal aus der Rolle fallen, mal etwas anderes probieren, komisch sein wollen oder etwas kommentieren, gibt es schnell viel Hate.“ Die sozialen Medien würden klar dazu beitragen, dass einseitige und rückständige Rollenbilder wieder zum Normalfall werden. Sie sieht aber auch die Frauen in der Verantwortung: „Wir sind verdammt mutlos.“

Umso besser, wenn junge Frauen versuchen, abseits der bekannten Pfade als Youtuberin Fuss zu fassen. Nur allzu grosse Hoffnungen auf den Durchbruch sollten sich weder Männer noch Frauen machen. Immer auf Sendung zu sein geht zudem an die Substanz.