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Wenn einer eine Reise tut

Veröffentlicht am 21.03.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: GettyImages
Wenn einer eine Reise tut

Businesstrips sind trotz virtueller Alternativen hoch im Kurs. Woran das liegt – und wo die Stolperfallen lauern.

Im Prinzip wäre der Geschäftspartner nur einen Mausklick entfernt. Videokonferenz-Lösungen trumpfen mit immer leistungsfähigeren Technologien auf, Smartphone und Laptops sind so verbreitet wie Bürostühle. Aber die Annahme, diese Annehmlichkeiten würden Businesstrips überfällig machen, ist in etwa so weltfremd wie das papierlose Büro, das seit Jahrzehnten prophezeit wird. Es wird gereist wie eh und je, und die Kurve steigt wieder steil nach oben. Laut einer Umfrage von AirPlus International gehen fast die Hälfte der knapp 800 befragten Reiseverantwortlichen aus 24 Ländern davon aus, dass dieses Jahr in ihrem Unternehmen das Volumen der Geschäftsreisen stark zunehmen wird, und zwar um etwa 35 Prozent gegenüber 2018. Es ist dies der höchste Wert seit der Finanzkrise. Der Trend bestätigt sich gemäss Umfrage auch in der Schweiz. 

Nun liesse sich natürlich einwenden, dass es im ureigenen Interesse des Lösungsanbieters fürs Business Travel Management liegt, eine erhöhte Reisetätigkeit von Geschäftsleuten zu behaupten. Aber auch andere Zahlen bestätigen den Trend: 2017 beispielsweise gaben deutsche Firmen 53 Milliarden Euro für die Reisetrips aus. 2004 waren es 44 Milliarden Franken. In diesem Zeitraum stieg zudem die Anzahl der Geschäftsreisen von 146 auf 188 Millionen, wie die Zeitschrift „Brand eins“ berichtet.

Der Hauptgrund, warum sich die Menschen nach wie vor persönlich begegnen wollen, liegt nicht etwa an unzuverlässiger Technik, wobei diese durchaus nicht immer hält, was sie verspricht – gerade wenn sich Mitarbeitende über das Smartphone oder ihren Laptop und bei schlechter Internetverbindung in den virtuellen Austausch zuschalten. Aber der springende Punkt ist vielmehr, dass gute, funktionierende Kommunikation eben darüber hinaus geht, als bloss die richtigen Worte zu finden. Wie ist die Stimmung? Ist das Gegenüber nervös? Nicht zu unterschätzen sind zudem private, persönliche Informationen, die sich natürlich eher ergeben, wenn sich die Menschen in Fleisch und Blut begegnen.  Auch Missverständnisse können eher zeitig ausgeräumt werden oder entstehen gar nicht erst.

Geschäftsreisen können dem Ruf schaden
Gemäss Airplus dauern die meisten Reisen, die aus geschäftlichen Gründen gemacht werden, zwei bis drei Tage. Nur etwa ein Drittel ziehen sich über vier bis sieben Tage hinweg. Dienstreisen rund um den Globus haben natürlich einen schalen Nachgeschmack: der ökologische Fussabdruck. Manche Grossfirmen nehmen dies zum Anlass, die Zahl der Flugreisen zu verringern. Überhaupt sollte das Reputationsrisiko nicht unterschätzt werden. Erinnert sei an die Post-Tochter Swiss Solutions, die wegen einer zweitägigen Reise nach Vietnam, wo sie ebenfalls mit einem Sitz präsent ist, in die negativen Schlagzeilen geriet. Rund 100 Kader-Mitarbeitende nahmen teil, was schnell einmal die Frage nach der Verhältnismässigkeit aufwerfen liess.

Ein anderes Risiko, das mit Geschäftsreisen einhergeht, ist zusätzlicher Stress – vor allem bei Verspätungen, Stornierungen oder anderen unvorhergesehen Ereignissen. Kommt dann noch Ärger mit WLAN-Verbindungen hinzu, wird der Businesstrip schnell einmal zum Horrortrip. Andere wiederum schätzen die Abwechslung vom Büroalltag und erleben einen Kreativitätsschub, wenn sie auf neuen Pfaden unterwegs sind. Ob Geschäftsreisen eher eine Tortur oder eine willkommene Abwechslung sind, ist immer auch eine Frage der Häufigkeit und der persönlichen Vorlieben.

Videokonferenzen oder Gruppen-Videochats sind bei passender Verbindung und trotz gelegentlicher Kommunikationsstörungen eine valable Alternative, und sie haben einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Das Format sorgt automatisch dafür, dass sich die Teilnehmenden eher kurz halten und Sitzungen nicht ausufern. Auch sind sie praktisch für wiederkehrende Meetings, die immer denselben Zweck verfolgen – zum Beispiel Reportings aus den verschiedenen Ländern zusammentragen. Sobald es aber um konkretere Dinge geht, erst recht bei Akquisegesprächen oder dem Erschliessen neuer Geschäftsfelder, wäre jener, der den Reiseaufwand scheut, bald im Hintertreffen.