785 Artikel für deine Suche.

Achtung, Achtsamkeit!

Veröffentlicht am 10.02.2020
Achtung, Achtsamkeit!
Warum der Achtsamkeitswahn in der Berufswelt auf einer Lüge basiert

Sie soll die Stressresistenz, Kreativität und Produktivität im Job erhöhen und für mehr Ausgleich sorgen: Achtsamkeit scheint das neue Wundermittel zu sein, um in einer Hochleistungsgesellschaft bestehen zu können. Diese Behauptungen entlarven allerdings unfreiwillig, um was es in die Tat und Wahrheit geht: Statt etwas an den strukturellen Ursachen der Überbelastung an den Arbeitsplätzen zu ändern, muss jeder Mitarbeiter erst einmal bei sich selber anfangen. Achtsamkeit verkommt so zu einer neuen Form der Selbstoptimierung, statt dass sie zur Lösung des Problems beiträgt – eben weil sich an den Verhältnissen selber nichts ändert.
Nicht, dass Achtsamkeits-Übungen per se unsinnig wären. Aber bietet ein Unternehmen Achtsamkeits-Seminare an, ohne seine stressfördernden Strukturen anzutasten, nimmt sich die Firma aus der Verantwortung und überträgt diese stattdessen den Individuen. Es handelt sich in Tat und Wahrheit also um wirtschaftliches Kalkül, um nicht um eine Form der Fürsorge.
 
Der Achtsamkeits-Markt hat sich mittlerweile zu einer Milliarden-Industrie entwickelt. Zahlreiche Produkte werden unter dem Etikett der Achtsamkeit angeboten, von Kursen, Online-Lehrgängen, Gruppenseminaren bis hin zu Apps. Das Mantra, gesünder, stressfreier und positiver zu leben, ist auch Ausdruck eines Zeitgeistes, der jegliche Negativität leugnet und Probleme aller Art im Individuum sucht, statt das Soziale und die Strukturen zu verstehen, die sie prägen. Es ist dies eine lukrative Verwertung der grassierenden Ich-Zentriertheit.
 
Mit Vollgas in den Egoismus
Wie viele verwandte Konzepte verhelfe Achtsamkeit den Menschen zu einem Gefühl des Friedens, der Normalität und der Möglichkeiten in einer volatilen Marktwirtschaft, schreiben die Soziologin Eva Illouz und der Psychologe Edgar Cabanas in ihrem Buch „Das Glücksdiktat und wie es unser Leben beherrscht“.  Was die Anhänger der Achtsamkeit jedoch bekommen würden, seien lediglich Techniken, die sie dazu anhalten, ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst statt auf die Welt zu richten – nicht immer mit den segensreichen Folgen, die die Achtsamkeit verspreche.
 
So wohnt dem Achtsamkeitskonzept die Idee inne, zum Beobachter des eigenen Lebens zu werden. Es behauptet eine unmittelbare Erfahrung, frei von Grübeleien über das Gestern und das Morgen. Belastende Ereignisse sollen „objektiver“ betrachtet werden können. Das kann man auch als Anleitung zur Gleichgültigkeit verstehen. Der Soziologe Hartmut Rosa berichtet von einem Manager, der sagte, dass es ihm früher schwer gefallen sei, Leute zu entlassen. Heute, da er Achtsamkeit praktiziere, mache es ihm nichts mehr aus. „Gerade im Kontext von Unternehmen ist zu vermuten, dass Achtsamkeit ein zerstörerisches System stützt“, so Rosa gegenüber dem Netzwerk „Ethik heute“. Er sieht Achtsamkeit als individuelle Strategie einer Elite, noch erfolgreicher durchs Leben zu gehen.
 
Banale Weisheiten
Überdies verbergen sich viele Banalitäten hinter so manchem Achtsamkeits-Wortschatz. „Achtsam kommunizieren“, so die gängige Definition, soll nicht nur „achtsam reden“ bedeuten, sondern auch „gut zuhören“. Das sind Kommunikationsregeln, die schon galten, lange bevor überhaupt jemand von „Achtsamkeit“ sprach. Im Kern zeigt sich auch hier, dass „Achtsamkeit“ sehr viel damit zu tun hat, ständig um sich selber zu kreisen. So erklären Achtsamkeitsexperten, man dürfe sich nicht nur auf das Gegenüber konzentrieren, sondern man solle sich auch seinen eigenen Reaktionen widmen.
 
Das Konzept der Achtsamkeit geht auf den amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn zurück, der in den 1970er Jahren seine Stressreduktion durch Achtsamkeitsmeditation entwickelte („Mindfulness-Based Stress Reduction“). Er steht heute einer Bewegung vor, die mittlerweile gerade im Kontext der Arbeitswelt immer mehr Kritikerinnen und Kritiker auf sich zieht. Eva Illouz und Edgar Cabanas warnen vor den falschen Versprechen: In Wirklichkeit verstärke die Achtsamkeit oft Depressionen und Ängste und bewirke durch die exzessive Beschäftigung mit sich selbst eine Abspaltung und Entfernung von der Realität.