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Home-Office klingt gut auf dem Papier, aber….

Veröffentlicht am 21.03.2020 von Manuela Specker - Bildquelle: Highres
Home-Office klingt gut auf dem Papier, aber….
Die Mitarbeiterin der Mobiliar war ganz gerührt: Die Firma zeigt grösstes Verständnis für das Dilemma, in das viele Eltern durch den Entscheid des Bundesrates, sämtliche Schulen zu schliessen, geraten sind: „Versuchen Sie, so gut es geht im Home-Office zu arbeiten. Es ist klar, dass Sie unter diesen besonderen Umständen eingeschränkte Arbeitsleistungen erbringen werden. Machen Sie sich deswegen keine Sorgen“, schrieb der Taskforce-Leiter Damian In-Albon in einer E-Mail an alle Eltern.
Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, was dies bei den Mitarbeitenden auslöst: Sie werden, sobald die Krise ausgestanden ist, mit vollem Elan und grosser Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber wieder ans Tageswerk gehen. Viele waren schon vor der Coronakrise ihrem Arbeitgeber innig verbunden, denn eine solche Firmenkultur entsteht nicht über Nacht. Mobiliar ermöglicht auch Home-Office bereits seit Jahren. Die besagte Mitarbeiterin liess über Facebook wissen: „Fühle mich bestätigt, am richtigen Ort zu arbeiten. Du zählst für mich mit zur umsichtigsten und besten Arbeitgeberin“.

Herausforderung Home-Office
Home-Office ist das Zauberwort der Stunde. Es stellt allerdings jene Firmen vor grosse Herausforderungen, die Home-Office bis anhin eher geduldet als gefördert haben. Nicht nur, dass sie aus dem Nichts heraus die Hard- und Software bereitstellen müssen. Die Prozesse und Abläufe sind schlicht nicht darauf ausgelegt, dass ein Grossteil nun plötzlich von zu Hause aus arbeitet, obwohl beispielsweise Sitzungen schon längst auch virtuell abgehalten werden könnten. Hat dies eine Firma aber nie praktiziert, funktioniert der Wechsel in die digitale Sphäre nicht von heute auf morgen – fehlende Nutzerkonten oder überlastete Netzwerke sind nicht das einzige Problem. Nur zehn Prozent der Schweizer Firmen verfügen laut Marc K. Peter, Professor und Leiter des Zentrums für Digitale Transformation an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, überhaupt über eine Strategie, wie sie das Arbeiten unter den Bedingungen der Digitalisierung gestalten wollen.

Neben IT-spezifischen Fragen beeinflusst also auch die Firmenkultur, wie schnell bestimmte Mitarbeitende in den Home-Office-Modus wechseln können. Nun rächt es sich, dass zwar alle von der Digitalisierung sprechen, dass die Möglichkeiten der digitalen Entwicklungen in der Arbeitsrealität aber kaum je getestet worden sind. In jenen Firmen, wo der Arbeitsinhalt Home-Office ermöglichen würde, aber bis anhin nicht toleriert wurde, herrscht oft eine Misstrauenskultur. Es kommt sogar vor, dass Mitarbeitende, die nun erstmals als Folge der Coronakrise in den eigenen vier Wänden arbeiten dürfen oder gar müssen, regelmässig zu rapportieren haben, was sie den lieben langen Tag tun. Es soll allerdings auch nicht unerwähnt bleiben, dass, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, längst nicht jede Arbeit ins Home-Office verlagert werden kann.

Über den Schatten gesprungen
Im Gefolge der Coronakrise konnte nun aber so manches Unternehmen über seinen Schatten springen. Coop beispielsweise lässt seit diesem Montag jeden dritten Mitarbeitenden in der Administration während zwei Tagen pro Woche von zu Hause aus arbeiten. Dieser Wandel ist auch Ausdruck davon, dass Unternehmen nicht nur der Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitenden nachkommen müssen, sie handeln auch im öffentlichen Interesse, in dem sie alles dafür tun, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Einige Firmen, insbesondere im Finanzsektor, setzen auf das Prinzip der „Split Operation“: Eine Hälfte des Teams arbeitet von zu Hause aus, die andere Hälfte ist im Büro präsent. Das ist auch bei der Credit Suisse der Fall, die damit nicht nur das Risiko der Ansteckung minimieren möchte. Es geht immer auch darum, das Geschäft am Laufen zu halten – eine Weiterführung wäre ernsthaft gefährdet, sollten mehrere Mitarbeitende gleichzeitig ausfallen.

Was alle Firmen eint: Sie sind von der Coronakrise überrollt worden. Die Mobiliar, um beim eingangs erwähnten Beispiel zu verbleiben, verhielt sich von Beginn weg vorbildlich: Kurz nachdem in der Schweiz der erste Fall bekannt wurde, setzte sie eine Taskforce ein, beobachtet die Lage aufmerksam, war regelmässig in Kontakt mit Fachexperten, eröffnete für die Angestellten eine Hotline und sensibilisierte sie für verschiedene Vorsichtsmassnahmen. Die sich überschlagenden Ereignisse dürften für viele Firmen eine Lehre sein, die technischen Möglichkeiten besser in die Arbeitsrealität einzubinden, um nächstes Mal vorbereitet zu sein. In anderen Bereichen wiederum wie dem Tourismus oder dem Gastgewerbe, wo Home-Office per se nur für einen kleinen Teil der Angestellten möglich ist, plagen nun ganz andere Sorgen: Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Stillstand bedroht die Firmen in ihrer Existenz.