936 Artikel für deine Suche.

Jonglieren mit Jobs

Veröffentlicht am 29.04.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock
Jonglieren mit Jobs

Mehrere Teilzeit-Stellen gleichzeitig: Über Vor- und Nachteile von Patchwork-Karrieren

„Multi-Jobbing“ hat nicht gerade den besten Ruf. Es steht für prekäre Arbeitsverhältnisse, wenn der betreffende Arbeitnehmer keine andere Wahl hat als für mehrere Arbeitgeber tätig zu sein, um über die Runden zu kommen. Auch sozialversicherungstechnisch sind die Vorteile nicht auf der Seite der Multi-Jobber. Selbst wenn sie am Ende gleich viel verdienen wie ein Vollzeit-Angestellter, haben sie weniger Geld in der Pensionskasse versichert. Das hat mit dem Koordinationsabzug zu tun, der bei jedem Lohn ab einer gewissen Höhe anfällt. Es kann natürlich auch passieren, bei einzelnen Jobs nicht das minimale Jahreseinkommen zu erreichen, um überhaupt in eine Pensionskasse aufgenommen zu werden. So gesehen sind Arbeitnehmende, die mehrere Teilzeit-Jobs ausüben, in mehrfacher Hinsicht benachteiligt.

„Multi-Jobbing“ kann aber auch eine bewusste Wahl sein. Zum Beispiel, weil man nicht von einem Arbeitgeber abhängig sein möchte, oder um verschiedenen Interessen nachzugehen und verschiedene Talente auszuleben. Es kann auch eine Phase des Ausprobierens sein, wenn der berufliche Platz noch nicht gefunden ist. Das geht allerdings meistens mit finanziellen Einbussen einher. Deshalb eignet sich dieses Konzept als bewusste Wahl vor allem für Menschen, denen Selbstverwirklichung wichtiger ist als finanzielle Sicherheit. Diese Menschen entscheiden sich als Multi-Jobber in der Regel für die Selbstständigkeit, dann stellt sich auch das Problem des Koordinationsabzuges nicht. Gleichzeitig bei mehreren Arbeitgebern Teilzeit angestellt zu sein, erfordert zudem einen hohen Koordinationsaufwand und engt stark ein. Alleine die Ferienplanung kann zu einem hochkomplexen Unterfangen werden.

Beate Westphal, ausgebildete Kulturmanagerin und Wirtschaftswissenschaftlerin, ist so eine klassische Multi-Jobberin auf selbstständiger Basis. Sie verkauft unter anderem Kekse an Unternehmen, unterstützt in ihrem „Talentcafé“ Menschen auf der Suche nach ihrem Traumjob und schreibt Bücher – zum Beispiel übers Patchworking in der Arbeitswelt. „Zwei oder mehr Berufe auf einmal auszuüben, ist nicht immer eine doppelte Belastung. Es kann auch die Chance bieten, mehrere Talente zu nutzen“, ist sie überzeugt. „Es ist illusorisch zu glauben, dass wir all unsere Interessen in einem einzigen Job befriedigen können.“ Der Weg zum Multi-Jobbing könne natürlich steinig sein. Ihr Leben jedenfalls sei interessanter, reicher und schöner geworden, seit sie sich der Patchwork-Karriere hingibt. Unabdingbare Voraussetzung ist natürlich, die eigenen Interessen und Begabungen zu kennen und entsprechende Jobopportunitäten zu erkennen. Das setzt einen hohen Grad an Eigeninitiative und auch Mut voraus.

Mit Blick auf die Prognosen zur Zukunft der Arbeit könnte allerdings bald als mutig erscheinen, wer ausschliesslich auf einen Job und auf einen Arbeitgeber setzt. Mit der zunehmenden Flexibilisierung und Digitalisierung werden die Sicherheiten und Gewissheiten weiter ab- und befristete Arbeitsverträge zunehmen. Unter diesen Umständen ist es ein Vorteil, mehr als ein Standbein zu haben. „Wenn ein Standbein wegfällt, steht man immer noch sicher da. Arbeitnehmer werden dadurch unabhängiger von ihrem Arbeitgeber“, so Beatrice Westphal. Sie findet die Bindung an einen einzigen Arbeitgeber hochriskant, „da würde ich unruhig schlafen“.

Die klassische Erwerbsbiografie ist schon heute ein Auslaufmodell; kaum jemand kann mehr sein ganzes Arbeitsleben in ein und derselben Firma verbringen. Dafür sorgt alleine der hohe Anpassungs- und Veränderungsdruck auf Seiten der Firmen. Aber auch Arbeitnehmer manövrieren sich heute tendenziell ins Abseits, wenn sie sich nicht mehr veränderungsbereit zeigen oder wenn sie passiv darauf warten, dass sich ihnen die perfekte Jobgelegenheit bietet. Auf mehrere Pferde zu setzen, kann also eine gute Vorbereitung auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes von morgen sein, der mit seinen Umwälzungen immer mehr Eigeninitiative und unternehmerisches Potenzial erfordert.