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Schmerz lass nach!

Veröffentlicht am 12.05.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock
Schmerz lass nach!

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten körperlichen Beschwerden. Ein Illustrator verrät, was ihm gegen dieses Büroleiden geholfen hat


Eines Morgens konnte sich Ludek Martschini die Socken nicht mehr anziehen. Ein stechender Schmerz im Rücken hielt ihn abrupt von dieser Routinebewegung ab. Zuerst vermutete er einen Hexenschuss – aber dafür war der Schmerz zu dumpf und zu langwierig. Der 58-jährige Grafiker und Illustrator musste nicht lange nach der Ursache suchen. Seit über 30 Jahren verrichtet er seine Arbeit sitzend am Zeichentisch. „Mir war bald klar, dass ein Zusammenhang besteht.“ Aber auf ein Stehpult umstellen kam für ihn nicht in Frage, „mein grosser Ateliertisch ist genau auf meine Bedürfnisse als Grafiker und Illustrator ausgerichtet“. Zudem können auch ergonomische Möbel alleine das Problem nicht aus der Welt zaubern. Es folgte eine Abklärung nach der anderen. Aber weder das Röntgenbild noch das MRI verschafften Klarheit, weder Schmerztherapie, Physiotherapie, Akupunktur noch Massagen konnten etwas an der Situation verändern.

Laut der Rheumaliga leiden rund 80 Prozent einmal im Leben oder wiederholt an Rückenschmerzen. Nur bei 15 Prozent liegt eine spezifische Ursache wie ein Bandscheibenvorfall vor. In den anderen Fällen kann zum Beispiel eine Muskelverspannung die Ursache sein. Das häufige Sitzen ist dabei nicht förderlich: Es verkürzt die Rückenmuskulatur und schwächt Bauch-, Bein- und Gesässmuskeln. Auch wer im Job gestresst oder unzufrieden ist, neigt dazu, sich zu verspannen – Rückenbeschwerden sind oft die Folge davon.

Bei Ludek Martschini hielten die Schmerzen ganze drei Jahre lang an. Bis ihm sein gleichnamiger Vater, von 1969 bis 1984 Nationaltrainer der Kunstturnerinnen und später Sportleiter in einem Fitnesscenter, einige Übungen vorzeigte. Fortan absolvierte Ludek Martschini diese konsequent an fünf Tagen pro Woche während jeweils rund 15 Minuten. Und siehe da: nach einem halben Jahr war er plötzlich schmerzfrei. Es sind einfache Dehnungsübungen, die vor allem die Beweglichkeit fördern. Denn an Muskelkraft mangelte es Ludek Martschini nicht, weshalb auch einseitiges Krafttraining wirkungslos geblieben wäre. „Das Trainieren der Beweglichkeit half mir, vor dem Bildschirm immer wieder eine andere Haltung einzunehmen. Und weil ich die Übungen jeweils am Morgen früh durchführte, kam ich schneller auf Touren als sonst.“

Aufgrund der Kompetenz seines Vaters, der mittlerweile verstorben ist, konnte Ludek Martschini sicher gehen, mit den Übungen keinen Schaden anzurichten. Sein Beispiel zeigt: Es braucht oft viel Geduld. „Nach fünf Monaten wollte ich schon fast aufgeben. Aber dann, nach einem halben Jahr, waren die Rückenschmerzen plötzlich verschwunden.“

Was natürlich nicht heissen soll, dass dieses Vorgehen bei allen Formen von Rückenschmerzen hilft. Wer zum Beispiel ein Arbeitsleben lang schwere Gegenstände tragen musste und später mit Rückenschmerzen dafür büsst, braucht vielleicht andere, zusätzliche Massnahmen. „Aber es lohnt sich, über Monate hinweg Rückenübungen zu machen, auch wenn der Schmerz nicht sofort nachlässt“, so Ludek Martschini. Die Übungen müssen also vor allem konsequent und über einen langen Zeitraum durchgeführt werden.

Mittlerweile hat er ein kleines, handliches Booklet gestaltet, in der die 25 Übungen beschrieben sind. Er hat dafür mit 11 weiteren Illustratorinnen und Illustratoren zusammengearbeitet, welche die Übungen gemäss seinen Skizzen in ihrem jeweils eigenen Stil umgesetzt haben. Darunter befindet sich zum Beispiel der „Strecker“ (Arme und Beine abwechselnd parallel in die Länge ziehen) oder das „Fahrrad“ (mit beiden Beinen in der Luft mit gleichmässigen Bewegungen Fahrrad fahren). Es handelt sich um etablierte Übungen, die keinen grossen Kraftaufwand erfordern. „Rückenpflege-Programm“ nennt Ludek Martschini diese kunstvolle Zusammenstellung, und da schwingt zugleich mit, dass es sich lohnt, dem Rücken Sorge zu tragen und Übungen dieser Art auch präventiv zu machen. „Die Rückenschmerzen haben meine Lebensqualität enorm eingeschränkt“, so der Grafiker und Illustrator.

Gemäss einer aktuellen Studie des Finnischen Institutes für Arbeitsmedizin mit knapp 4500 Teilnehmenden lässt sich mit regelmässigen Übungen für die Rückenmuskulatur, mit Dehnen und Ausdauertraining das Risiko für Rückenschmerzen um 30 Prozent senken. Dafür muss man nicht einmal ins Fitness, sondern kann ein entsprechendes Programm in den eigenen vier Wänden absolvieren. All jenen, die im Job viel sitzen, empfiehlt es sich ganz besonders, am Arbeitsplatz zwischendurch Stretch-Übungen zu machen, um die Muskulatur zu entspannen. Auch eine aufrechte Haltung und regelmässige Bewegung machen sich bezahlt, denn monatliche Fehlbelastungen äussern sich früher oder später in Gelenkschmerzen.