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Wenn der Chef nicht zuhört

Mitarbeitende, die von ihren Vorgesetzten signalisiert bekommen, dass ihre Meinung nicht zählt, werden sich tendenziell nicht mehr zu Wort melden. Selbst dann nicht, wenn sie über Wissen verfügen, das sicher zur besseren Entwicklung des Unternehmens beitragen würde.

Führung
Veröffentlicht am 08.10.2018 von myjob.ch - Bildquelle: iStock

Gute Führung bedarf professioneller Kommunikation: Der Chef bzw. die Chefin muss den Mitarbeitenden ihr Aufgabengebiet eindeutig vermitteln und eine gewisse Empathiefähigkeit für den Fall besitzen, wenn diese damit nicht zurecht kommen. Sei es, weil ihnen gewisse Skills fehlen, weil die Zeit im Arbeitsalltag für die Summe der Aufgaben nicht ausreicht oder auch, weil persönliche Befindlichkeiten oder private Verpflichtungen die Möglichkeiten der Mitarbeiterin bzw. des Mitarbeiters temporär einschränken.

Auch Ungerechtigkeiten - und seien es auch keine objektiv nachvollziehbaren - sollten seitens der Führungskraft nicht sofort in Abrede gestellt werden, wenn sie damit konfrontiert werden. Ein offenes Ohr für die Belegschaft trägt auf jeden Fall zu einer besseren Unternehmenskultur bei.

Verschlossene Türen
Eine umgekehrte Situation wird hingegen bald zu Frustration und Unsicherheit bei den Mitarbeitenden führen. Wenn scheinbar unlösbare Probleme mit Kolleginnen und Kollegen, mit Kunden oder auch zum Beispiel mit Handelspartnern nicht „nach oben“ getragen und besprochen werden können, fühlen sich die Betroffenen natürlich allein gelassen. Im Arbeitsalltag sehr belastend sind für die meisten Leute wohl auch Situationen, in denen wider besseres Wissen gehandelt wird, oder regelmäßige Abläufe schlecht organisiert sind und in der Folge zu unnötigem Mehraufwand und dem Vergeuden von Arbeitszeit führen.

Dennoch gibt es natürlich Fälle, in denen die handelnden Personen mit ihren persönlichen Anliegen, mit ihren Verbesserungsvorschlägen bzw. Anregungen zur Neuorganisation ihrer Arbeit nicht durchkommen: Die Tür zum Chef-Büro ist - nicht nur bildlich - verschlossen, man irrt wie einer der „Helden“ in Franz Kafkas absurden Geschichten durch die Gegend und kommt nicht an sein Ziel.

Wenn die Führungskraft einfach nicht zuhört, führt dies dazu, dass an und für sich engagierte Mitarbeitende die Kommunikation ebenfalls zurück fahren: „Arbeitnehmer, die sich emotional nicht an ihren Arbeitgeber gebunden fühlen, zeigen weniger Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein“, stellt das renommierte Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup fest. Im regelmäßig durchgeführten „Engagement Index“ wurde erhoben, dass diese Dienstnehmer „zudem häufiger zu Fehlentwicklungen schweigen“. Eine für jedes Unternehmen fatale Tatsache. Jeder dritte der 1.413 in Deutschland Befragten gab in der Gallup-Untersuchung zu, in den vergangenen zwölf Monaten vor der Fragestellung gegenüber einem Vorgesetzten „mindestens einmal schwere Bedenken nicht geäußert“ zu haben. Wobei dies nur der Durchschnittswert ist: Mitarbeitende die angaben, keine emotionale Bindung zum Arbeitgeber zu haben, schwiegen zu 45 Prozent - das ist fast jeder Zweite.

Die Schweigespirale
Fast zwangsläufig denkt man bei diesen Werten an die Theorie der Schweigespirale, nach der die Bereitschaft von Menschen, ihre Meinung zu äußern, vom gesellschaftlichen Klima abhängt. Wer das Gefühl hat, mit dem, was er oder sie sagen möchte, nur anzuecken und sich Ärger einzuhandeln, der sagt lieber gar nichts. Dies trifft wohl umso mehr zu, wenn sich zwei Personen in unterschiedlicher Rangordnung befinden - man also „nicht schon wieder“ beim Chef auf taube Ohren stoßen oder von diesem gar gerüffelt werden möchte. Selbst, wenn man absolut sicher ist, dass das zurück gehaltene Wissen für das Unternehmen nur von Vorteil wäre.